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Ein Ausflugsziel war das Schloss Krasné Březno/Schönpriesen, in dem jetzt das
staatliche Denkmalschutzamt untergebracht ist.

 

 

Weiter zunehmende Beachtung finden die jährlich von Ackermann-Gemeinde und Aussiger Universität veranstalteten COLLOQUIA USTENSIA. Sogar das tschechische Fernsehen hat in diesem Jahr über das Projekt berichtet. Ein starkes Motiv zur Teilnahme an der Sommerakademie sei die Verwurzelung vieler Teilnehmer im Land durch ihre sudetendeutschen Vorfahren, arbeiteten die Fernsehleute in ihrem Beitrag heraus. Fast 50 Teilnehmer waren aus ganz Deutschland und Österreich in das Aussiger Studentenheim am Kleischer Stern angereist. Über zwei Wochen erlebten sie ein spannendes und dicht gedrängtes Programm mit Sprachkurs am Vormittag, Ausflügen am Nachmittag, und Vorträgen am Abend.

Die meisten Teilnehmer nutzten schon um 7.30 Uhr das Angebot der Morgenandacht als Einstimmung in den Tag. Weiter ging es mit Frühstück und dem Singen tschechischer Volkslieder, bevor um 9 Uhr der Sprachunterricht begann. Gelernt wurde in Kleingruppen in fünf Leistungsstufen. Die Organisatoren um Kristina Kaiserová von der Aussiger Universität hatten wieder hochmotivierte Sprachlehrer gewinnen können, die ihren Schützlingen mit großem pädagogischem Geschick und Einsatz die Feinheiten der tschechischen Sprache nahe brachten.

Nach dem Mittagessen wartete meist schon der Bus für den nachmittäglichen Ausflug. „Es ist kaum zu glauben, dass es immer wieder gelingt, in der Umgebung von Aussig interessante Ziele zu finden, die wir noch nicht kennen“, staunten auch langjährige COLLOQUIA-Teilnehmer. In diesem Jahr standen zum Beispiel das klassizistische Schlösschen in Korozluky/Kolosruk bei Most/Brüx, das Schloss in Krasné Březno/Schönpriesen, das Franziskanerkloster in Kadaň/Kaaden, sowie Schloss und Stadt Mĕlník/Melnik auf dem Programm. In Most/Brüx wurden die Gäste ausführlich über das Konzept und den Stand der Rekultivierungsarbeiten in den früheren Braunkohle-Abbaugebieten informiert. Ein besonderes „Schmankerl“ war der Besuch des Wohnwagen-Camps Stvolínky/Drum bei Česká Lípa/Böhmisch Leipa. Der Künstler Dan Dittrich hat dort das abgelegene Gelände einer abgerissenen deutschen Brauerei gekauft und sich nicht nur selbst gemütlich eingerichtet, sondern auch eine wachsende Künstler-Kolonie begründet. Mangels Baugenehmigung hat er seine Bauten als genehmigungsfreie Filmkulissen angemeldet. Seine Familie lebt im Wohnwagen. Da das nur maximal 30 Tage im Jahr erlaubt ist, hat er zwölf Wohnwagen angeschafft, die er reihum bewohnt.

Hochkarätige Referenten vermittelten mit ihren abendlichen Vorträgen neue Erkenntnisse zu verschiedensten Themen. Während Tomáš Velímský von der Aussiger Universität seine Zuhörer mit seinen Ausführungen über die Anfänge des böhmischen Adels weit in die Vergangenheit führte, informierte Alena Mišková von der Prager Karlsuniversität über den Prager Nazi-Bürgermeister Josef Pfitzner, der 1945 öffentlich hingerichtet wurde. „Er war zwar ein unangenehmer Mensch, aber die Todesstrafe war unangebracht“, so das Resumé von Frau Mišková, die ihre Pfitzner-Forschungen gemeinsam mit dem deutschen Historiker Ferdinand Seibt betrieben hatte. Miroslav Kunštát war ebenfalls aus Prag gekommen und referierte über die österreichisch-tschechischen Beziehungen seit dem Ende des Ersten Weltkrieges. Über Miroslav Tyrš, den Mitbegründer der nationaltschechischen Turnbewegung „Sokol“, berichtete der Regisseur Vladimír Fanta. Als Friedrich Tiersch in einer deutschsprachigen Familie in Dečin/Tetschen aufgewachsen sprach der „tschechische Turnvater Jahn“ Zeit seines Lebens nur unvollkommen tschechisch.

Die Schlacht bei Kulm jährt sich in diesem Jahr zum 200. Mal. Der bedeutende Sieg der Koalitions-Armeen über einen Teil von Napoleons Armee im Vorfeld der Völkerschlacht bei Leipzig ist Anlass für eine Sonderausstellung, die im Aussiger Stadtmuseum besichtigt wurde.  Interessante Einblicke in die Entwicklung der tschechischen Sicht auf diese Schlacht gab der Prager Historiker Jiři Rak. Im 19. Jahrhundert war die Schlacht wichtig für die Entwicklung des Selbstwertgefühls des tschechischen Volkes. Die Verdienste der tschechischen Soldaten wurden hervorgehoben und ihre Würdigung durch den österreichischen Staat verlangt. Nach 1918 folgte die Kehrtwende. Jetzt gehörte den Franzosen – der Schutzmacht der neu entstandenen Tschechoslowakei – in der Rückschau die Sympathien. Von einem Engagement von Tschechen auf österreichischer Seite war nicht mehr die Rede. Die Bedeutung der Schlacht wurde insgesamt herunter gespielt, da nach neuer Lesart die Falschen gesiegt hatten. Nach 1948 wurde die Sichtweise erneut umgekehrt. Jetzt wurden die Verdienste der russischen Armee am Sieg über die Franzosen in den Mittelpunkt gerückt, und die Schlacht bei Kulm als leuchtendes Beispiel für die russisch-tschechische Waffenbrüderschaft dargestellt.

Kristina Kaiserová und ihr Mitarbeiter Martin Veselý präsentierten auch das jüngste Projekt ihres Instituts für slawisch-germanische Forschung, didaktische Filme zum Thema Patriotismus, Nationalismus und Extremismus. Ganz anders als mit herkömmlichen Lehrfilmen gelingt es mit diesen modern gemachten Streifen, die Schüler wirklich anzusprechen und über die Hintergründe  von Extremismus und Ausländerhass aufzuklären. Entsprechend positiv sind auch die Rückmeldungen der Schulen, an denen diese Filme bereits gezeigt wurden.

Dem Teilnehmer Emil Spannbauer war es vorbehalten, am abschließenden Bunten Abend die zurückliegenden Erlebnisse in Gedichtform Revue passieren zu lassen. Auch die vier Rollen Klopapier pro Person auf dem Zimmer („Wer kann denn so viel Papier verbrauchen“) und der Kommentar eines Teilnehmers zum Chaos im Mensa-Büro nach einem nächtlichen Einbruch („In meinem Büro schaut es immer so aus“) fanden Erwähnung. Die Übergabe der Lehrgangs-Zertifikate, weitere lustige und besinnliche Beiträge sowie ein von den tschechischen Freunden vorbereitetes opulentes Buffet machten den letzten Abend zu einem würdigen Abschluss der zwei spannenden und lehrreichen Wochen in Aussig. Der Abschied am nächsten Morgen wurde erleichtert durch die Aussicht auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr. Die XXIII. Colloquia Ustensia sind für den 17. bis 30. August 2014 geplant. Neue Teilnehmer und sind herzlich willkommen. Interessenten wenden sich bitte an Christoph Lippert, e-mail info@lti-training.de

 


Unterrichtet wurde in Kleingruppen in fünf Leistungsstufen entsprechend
den Vorkenntnissen der Teilnehmer.