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Der Monat November 2006 fand am Lehrstuhl Germanistik an der UJEP unter dem Motto „GENDER-Perspektiven“ statt. Dank des Projektes Aktion und in Zusammenarbeit mit dem Germanistikinstitut der Universität Wien konnten den Studierenden mehrere Blockseminare zu ausgewählten Gender-Aspekten in Sprache und Literatur angeboten und das erste Hochschulskriptum für nicht soziologische Studienrichtungen Gender a společnost (Gender und Gesellschaft) von Dr. Jana Valdrová vorgestellt werden. Im Frühjahr 2007 erscheint im Rahmen des erwähnten Projektes auf dem tschechischen Buchmarkt die erste Anthologie der feministischen und gender-orientierten Literaturtheorie der letzten 25 Jahre, herausgegeben von Dr. Libora Oates-Indruchová unter dem Titel Ženská literární tradice a hledání identit (Weibliche Literaturtradition und die Identitätsuche).

Das ganze Vorhaben wurde durch die Ausstellung Ženská práva jsou lidská prává aneb kampak, panenko?(Frauenrechte sind Menschenrechte oder Wohin, mein Püppchen?) von der Brünner Vereinigung NESEHNUTÍ in den Räumlichkeiten der Universität begleitet, die mit einem einleitenden Vortrag zu Gender-Stereotypen von Kateřina Plesková am 1.11.2006 feierlich eröffnet wurde – www.nesehnuti.cz. Die Ausstellung wurde durch die Bilder der Studentin Tereza Záchová (2. Studienjahr, Kunsterziehung für Gund- und Mittelschulen) auf interessante Art und Weise künstlerisch ergänzt, denn die Bildende Kunst reflektiert diese Problematik besonders stark, insb. seit den 1990er Jahren, wie Mag. Řezáč vom Lehrstuhl für Kunsterziehung in seinen einleitenden Worten betonte.

Die fachbezogenen, gender-orientierten Veranstaltungen wurden mit dem Blockseminar Gender in der Sprache von Dr. Jana Valdrová aus der Südböhmischen Universität in Budweis am 3. 11. 2006 eröffnet. Das Ziel des Seminars war, die Sprache als ein den Menschen in seiner Identität und in seinem Denken formierendes Mittel zu präsentieren. Die Sprache dient nicht nur zur Vermittlung der Kultur im Allgemeinen, sondern auch der Kultur der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Beziehungen zwischen Mann und Frau. Im gemeinsamen Gespräch wurden die Prinzipien unserer Sprache aufgezeigt, die die Produktion von Gender und die damit verbundene Hierarchisierung der Gesellschaft zur Folge haben. Weiter wurde über die psychologischen Folgen einer solchen Sprachverwendung sowie über den „männlichen“ und „weiblichen“ Sprachstil am Beispiel zahlreicher Werbetexte diskutiert. Die Studierenden wurden im Anschluss mit den Prinzipien eines „gender-gerechten“ Sprechens bekannt gemacht, das mittlerweile in vielen Ländern der westlichen Welt, insb. der EU, akzeptiert und praktiziert wird.

Am 7. und 9. November 2006 folgte das Blockseminar Gender-Aspekte in der literaturwissenschaftlichen Analyse und Interpretation von Dr. Ján Demčišák vom Germanistikinstitut unserer Partneruniversität in Trnava (Slowakei). Im Verlauf des Seminars haben sich die Studierenden zunächst mit der neuen fachübergreifenden Methode der Gender-Analyse in der Literaturwissenschaft bekannt gemacht, indem ihnen ein Überblick der wichtigsten Gender-Theorien und -Thesen präsentiert und erläutert wurde. Die theoretischen Kenntnisse konnten sie dann am Beispiel einer kritischen Lektüre von Bertold Brechts Gedichten konkretisieren. Das Ziel des Seminars war, die Studierenden zu einer bewussten Rezeption des Gender-Aspekts zu bewegen und zum Erkennen von gängigen Klischees in Bezug auf die Normativität des Sex-Gender-Systems anzuregen – ein Ziel, das erreicht werden konnte.

[ Feministische Literaturtheorie ] [ Entwicklung der Gender Studien ]
[ Über die Notwendigkeit der Schminke ]

Eine weitere Konkretisierung der Gender-Aspekte in der Literaturwissenschaft wurde am Leben und Werk von Betty Paoli unter dem Titel Frauenforschung. Reisende Frauen im 19. Jahrhundert am Beispiel der österreichischen Autorin Betty Paoli von Dr. Karin Wozonig aus Hamburg am 22. 11. 2006 vorgenommen. Reisen war für bürgerliche Frauen im 19. Jahrhundert auch mit Rechfertigungszwang verbunden, so auch für Betty Paoli, die ihre Rolle als Erzieherin, Gesellschafterin, Journalistin oder auch Gesundheitsgründe vorschieben musste. An einigen Beispielen ihrer Texte wurden die Rechtfertigungsstrategien aufgezeigt, die maßgeblich für die Reisetätigkeit Paolis waren. Außerdem wurde exemplarisch dargestellt, wie das Reisen zur Erweiterung und Vertiefung ihres Wissens und damit zum Impuls für die Textproduktion dieser Autorin wurde.

Der Gender-Monat wurde schließlich am 23.11.2006 mit dem Seminar Frauenforschung und Gender Studies in der Literaturwissenschaft von Dr. Susanne Hochreiter aus der Universität Wien abgeschlossen. Zunächst wurde die Geschichte der Frauenforschung und der Gender Studies in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der Germanistik in Überblick dargestellt, danach wurde die Frage erörtert, welche Fragestellungen und theoretische Positionen sich aus der Begegnung von Gender Studies und deutschsprachiger Literaturwissenschaft für die literaturwissenschaftliche Arbeit ergeben – bezüglich der Konzeption von Autorenschaft, Text, Leser/innen und hinsichtlich der Frage, wie „Gender“ im Text untersucht werden kann, was an konkreten Beispielen gezeigt werden konnte.

Der Gender-Monat war der erste Versuch, die Gender-Problematik einem breiteren Publikum vorzustellen, seine Aktualität und Komplexität anzudeuten, so wie es auch das Hochschullehrbuch Gender und Gesellschaft nachzeichnet. Dieses Skriptum wird als Grundlage für den einsemestrigen Gender-Kurs dienen, der ab 2007/08 als Pflicht- oder Wahlfach in die Bakkalaureat- und Magisterstudiengänge der Germanistik in Ústí nad Labem integriert wird. Wir hoffen, mit unserem Modell einen wichtigen Impuls auch für andere Studienrichtungen zu geben und durch die Integration dieses Faches vor allem in die Lehramtausbildung zur Sensibilisierung der Gesellschaft im Hinblick auf Gender sinnvoll beizutragen.

Dr. Renata Cornejo, Projektleiterin